Kyoto

 

Torii, soweit das Auge reicht

Freitag, 03.04.2026

 

Auch heute scheint die Sonne. Wir laufen wieder zu „unserer“ Bahnstation, bei 7 Eleven werden noch mal Getränke gekauft. Zwei von uns sind Langschläfer. Aber da wir in Japan eh in einer ganz anderen Zeitzone sind, fällt uns früher aufstehen nicht ganz so schwer.

 

Überall gibt es Getränkeautomaten. Mega-fair: Die Getränke kosten kaum mehr als im Supermarkt. Überall gibt es Getränkeautomaten. Die Japaner sind fair: Die Preise entsprechen fast denen im Supermarkt.

 

Per U-Bahn und Bus geht es raus ans andere Ende der Stadt, zum Kinkaku-ji, dem goldenen Pavillon. Oder zumindest in die Nähe. In die Nähe? Wenn ich's nicht besser wüsste, könnte man denken, ich stehe für ein Taylor Swift- oder U2-Konzert an. Gerade für mich ist das natürlich schon ein Kulturschock, hatte ich den Tempel vor 16 Jahren für mich allein.

 

 

Bei japanischen Tempeln, Pavillons, Schreinen und Pagoden dominieren normalerweise weiß und dazu rot, rotbraun oder braun. Der Tempel hier ist aber komplett in Gold gehalten. Kein Wunder, dass den jeder sehen will! Glücklicherweise verlaufen sich die Massenauf dem Gelände etwas. Wobei der Begriff „verlaufen“ ein sehr relativer Begriff ist.

 

 

Wir haben eine klare Aufgabenteilung: Meine beiden Mitreisenden schalten den Turbo ein und stellen sicher, dass wir schnell von A nach B kommen. Dafür übersehen sie unterwegs so manches ;-) . Peter hechelt hinterher, bekommt dafür aber auch deutlich mehr mit. So auch hier: Unsere Kneipenbekanntschaft gestern hatte uns von einem Park erzählt, wo eine Unzahl an Kirschbäumen blüht, unweit des Goldenen Pavillons. Es dauert einen Moment, bis alle mitbekommen, warum ich da stehe, wo ich stehe: Am Eingang zum Hirano-Park.

 

 

Gegen einen kleinen Obulus kommen wir in die Parkanlage. Dort gibt es verschiedene Essenstände, Sitzgelegenheiten, Toiletten und natürlich blühende Kirschbäume, wohin man schaut. Ich weiß nicht, was mich mehr begeistert: Die Kirschblüten oder die begeisterten Einheimischen beim Kirschblütenschauen.

 

 

Die größte Herausforderung in Kyoto ist es, von A nach B zu kommen, die allergrößte von B nach C. In unserem Fall vom Hirano-Park zum Bambus-Forest. In the middle of nowhere ist die Endstation einer altertümlichen Straßenbahn, die uns nach Arashiyama zum Bambuswald bringt. Und nicht nur uns, sondern zusammen mit einer anderen Bahnlinie ein paar Tausend andere auch.

 

 

Wow! Vor 16 Jahren war ich auch schon mal da. Seitdem scheint sich die Besucherzahl verhundertfacht zu haben. Man darf die wenigen Wege nicht verlassen und so bahnen sich nun die Menschenmassen durch den Park. 

 

 

Der Bambuswald – magisch, meterhoch, grün und voller Menschen, als wolle die halbe Menschheit heute ein neues Profilbild schießen. 

 

 

Interessanterweise gehören (voll funktionsfähige) Telefonzellen in Japan immer noch zum alltäglichen Straßenbild. Inzwischen sehr selten geworden sind dagegen die „Porno-Briefkästen“. Hier kann etwa der Familienvater sein Sexmagazin unauffällig verschwinden lassen.

 

 

Will man ein Foto machen, muss man aber aufpassen, von den Menschenmassen nicht niedergetrampelt zu werden. Fotografieren hier im Bambuswald soll dem Vernehmen nach olympische Disziplin werden. Wer am längsten stehen bleibt, ohne überrannt zu werden, bekommt die Goldmedaille.

 

 

Obwohl mehr als doppelt so weit, kommen wir zum Fushimi Inari-Taisha, den "10.000 Torii", schneller als vom Goldenen Pavillon zum Bambuswald. In meinem alten Reiseführer, den ich mir vor meiner ersten Reise 2010 Reise gekauft hatte, war auch ein Hinweis enthalten. Allerdings eher unter ferner liefen, weshalb ich seinerzeit auch nicht dort war. Hier sieht man, welche Auswirkungen Influencer auf Instagram & Co. haben.

 

 

Menschen, wohin man schaut. Dazwischen ab und an mal ein paar Zentimeter Lücke. Die gute Nachricht: Die meisten Touris sind faule Säcke :-D . Oder sind auf einer organisierten Rundreise und haben nur 15 Minuten... Fazit: Je weiter man hoch läuft, desto weniger ist los.

 

 

Über 10.000 Torii gibt es hier, eines hinter dem anderen. Durch Spenden werden es immer mehr. Je nach Zählweise variiert die Zahl stark, es gibt auch noch viele kleine Torii. 

 

 

Unterwegs gab es einen Stand, wo man eine entsprechende Spende von mindestens 22 Euro einzahlt und dann sein eigenes kleines Torii erhält.

 

 

Zeitweise hat man den Eindruck, dass man durch einen Tunnel geht. So eng stehen die Torii hier.

 

 

Ganz oben das Heiligtum des Schreins, das hier aber angesichts der ganzen Torbögen eher zweitrangig ist. Wir begegnen dort einer deutschen Familie und tauschen uns aus. Wir alle sind begeistert von der japanischen Effizienz. Gleichzeitig merken wir aber, wie schwierig es sein kann, etwas, das zwar effizient ist, aber irgendwann übrflüssig geworden ist, zu reformieren.

 

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Auf halber Höhe erwartet uns ein Sonnenuntergang. Der kann aber mit den Toren nicht mithalten. Wir bleiben bewusst noch etwas länger, da die Wege unter den Torii hoch zum Berg beleuchtet sind, was noch mal eine ganz andere Stimmung ergibt.

 

 

Da wir ja wissen, dass es bei uns oben nicht viele Restaurants gibt, essen wir wieder am Hauptbahnhof. Da ist heute alles extrem voll. Aber gut, wir werden zumindest satt.

 

Das war ein langer Tag heute...

 

„Kalter Wind im Spätherbst / Weht in den Bambuswald hinein. / Die Stille herrscht.“
–- Matsuo Bashō (1644–1694)


(Bashō fängt hier das akustische Phänomen japanischer Bambushaine ein. Das Rascheln und Knarzen der Halme im Wind wird in Japan offiziell als eines der „100 schützenswerten Geräusche des Landes“ gelistet.)

 

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