Dessau

 

11.09.2020

 

Begegnung mit Rapunzel

 

Auf dem Weg zu den Bauhaus-Meisterhäusern komme ich an Schloss und Park Luisium vorbei.

 

 

 

In einem turmartigen Haus treffe ich Rapunzel beim Betten ausschütteln. Rapunzel ist spürbar älter geworden. Kein Wunder, schließlich war sie ja schon erwachsen, als ich noch ein Kind war. Sie trägt ihr Haar jetzt kurz. Als ich sie darauf anspreche, meint sie nur, der Prinz habe jetzt einen Bierbauch und solle selber laufen. Ja, so ändern sich die Zeiten!

 

Aber Spaß beiseite, ich hatte jetzt wirklich nicht damit gerechnet, dass da jemand wohnt.

 


 

Sichtachsen

 

Auch hier sind sie wieder, die Sichtachsen. Während der Spaziergänger den mändierenden Wegen folgt, überquert er immer wieder mal diese Sichtachsen. Das Schloss rückt dabei jedes Mal ein ganzes Stück näher.

 

 

 

My home - my Bauhaus

 

Mir war gar nicht bewusst, wie sehr mein Elternhaus vom Bauhaus-Gedanken durchdrungen ist. Ob die Durchreiche von der Küche ins Esszimmer, der erweiterbare Esszimmertisch, die Einbauschränke, die verstellbare Tischlampe am Schreibtisch, die Couch, wo man die Lehnen umklappen kann, die Box für die Schmutzwäsche… Der Form und der Nutzen gibt halt das Design vor.

 

 

 

Bauhaus beeinflusst Architektur und Design bis heute

 

Die 1919 von Walter Gropius gegründete Kunstschule beeinflusst unser Leben bis heute, obwohl die Nazis diese Richtung gerne platt gemacht hätten. Bauhaus war damals etwas ganz Neues, eine Zusammenführung von Kunst, Design und Handwerk. Aber kein Neoklassizismus, sondern klare, einfache Formen.

 

 

Modulares Bauen

 

Die Jungs um Gropius waren ihrer Zeit etwa beim Hausbau voraus. Ihre Idee: Ein Haus zu errichten aus verschiedenen industriell vorgefertigten Modulen, die dann zu einem großen Ganzen zusammengesetzt werden. Auch wenn Walter Gropius bei dieser Aussage wahrscheinlich im Grab rotiert: Das Fertighaus war geboren.

 

Beim Besuch der Meisterhäuser fühle ich mich, als wäre ich in der Toskana. Liegt das am Duft, den Pflanzen, dem Kontrast der weißen Häuser zum blauen Himmel? I don’t know. 8,50 Euro kostet der Eintritt, die drei Häuser sind das Geld absolut wert.

 

 

 

Kubische Formen & kleine Zimmer

 

Ineinander geschachtelte Häuser aus verschiedenen kubischen Formen, das macht die Meisterhäuser aus. Am Besten von den dreien, die man sich auch von innen anschauen kann, hat mir das letzte gefallen, also das von Kandinski/ Klee. Es ist einfach bunter, auch ist dort mehr erhalten, was das Ganze besser vorstellbar macht. Heute würde Gropius die Räume sicher größer gestalten. Viele der Räume sind nicht größer als vier bis sechs Quadratmeter.

 

 

 

Ibäääh!

 

Gar nicht empfehlen kann ich dagegen den Besuch der Bauhaus-Forschungsinstitution in der benachbarten Gropiusallee. Der Laden und das Café sind ganz nett (für die braucht man aber kein Ticket), der Rest ist die 8,50 Eure aber definitiv nicht wert.

 

 

 

Prototyp des Arbeitsamtes

 

Dort wo mein Auto parkt, liegt nebenan das Georgium, ein weiterer der vielen Parks, auch hier wieder kleine Tempelchen und mehr. Auf dem Weg Richtung Bornstedt schaue ich noch beim historischen 1928 bis 1929 gebauten Arbeitsamt vorbei, auch von Gropius geplant. Lichtdurchflutete Büros auf der einen Seite und auf der anderen Seite ein Vorbau, der für den Publikumsverkehr reserviert war. Dort wurden die Besucher kanalisiert. Durch fünf verschiedene Türen kamen sie in identisch strukturierte Sektoren, wo sich die Mitarbeiter um deren Belange kümmerten.

 

 

 

Das "doppelte Lottchen" ist out.

Angesagt ist das "doppelte Helmstedt"

 

Die Stunde bei der Bauhaus-Forschungsstation wird mir noch ziemlich fehlen. Ausgangspunkt meines Trips waren zwei Prämissen:

 

(a) Ich will an die Ostsee und

(b) ich besuche unterwegs ein Paar Freunde und Verwandte.

 

Die anderen Sightseeing-Stationen müssen sich diesem Prämissen beugen. Soweit der Plan.

 

 

Errare geographicum est

 

Allerdings passiert dem Geografen ein Lapsus. Es gibt dummerweise zwei Orte mit dem Namen „Bornstedt“, was mir erst seit gestern klar geworden ist. Beide etwa gleich weit weg von Dessau, das eine günstig gelegen im Nordwesten direkt an der Autobahn A2 zwischen Magdeburg und Hameln, meinem nächsten Ziel, das andere in the middle of nowhere, zumindest was die gedachte Achse von Dessau nach Hameln angeht, südlich vom Harz gelegen.

 

 

 

Dessau: Wir lasse keene raus!

 

Ersteres so gelegen, dass ich nach 255 km und 3:00 reine Fahrzeit in Hameln angekommen wäre. Das andere verlängert die Stecke auf Fahrzeit auf 340 km und die Fahrzeit auf 4:45 Stunden. Theoretisch. Tatsächlich brauche ich eine Stunde raus aus Dessau – bei der Hauptausfallstraße Richtung Südwesten steht eine Killerampel, wo maximal zwei Schlafmützen oder fünf reaktionsschnelle Autofahrer durchkommen. Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Mitmenschen an der Ampel einschlafen! Dann kommen noch etliche Baustellen und Staus dazu, was mich noch mal locker eine Stunde kostet.

 

Der Pflaumenkuchen bei meiner Großtante (ihr Großvater ist mein Urgroßvater) war lecker, das Haus, das im Laufe der Jahre immer wieder erweitert wurde, ebenso wie der Garten angenehm. Ihre Tochter, also „meine“ Generation, ist gerade zum Urlaub an der Ostsee. Klappt aber bestimmt ein anderes Mal.

 

 

Hameln

Grimms Märchenstunde

 

Teilweise über die Autobahn, oft aber über schmale Landsträßchen, geht es weiter nach Hameln. Der Tag begann mit einem Märchen (Rapunzel) und endet mit einem Märchen (Rattenfänger von Hameln und das Hotel Christinenhof).

 

 

Märchenhaftes Hotel

 

Nach dem einfachen Haus gestern gönne ich mir die kommenden zwei Nächte ein schönes Hotel mitten in der Altstadt von Hameln mit einem kleinen Hallenbad und Sauna.

 

 

 

Lecker!

 

Trotz der 57.000 Einwohner ist in der wunderschönen Altstadt wenig los. Immerhin, ein paar Lokale gibt es, für größere Geschäfte ist einfach kein Platz.

 

Einen riesigen, erstklassigen Salat mit einem Steak obendrauf bekomme ich im Cazador serviert, draußen, wo es nach Sonnenuntergang recht frisch wird. Puh! Das dunkle Hefeweizen und die Banana Mama hauen rein. Hicks!

 

Im Keller warten eine Sauna und ein kleines Schwimmbad auf mich. Und wenn ich „klein“ sage, meine ich auch klein. Gut, dass es in dem fünf-Meter-Becken eine Gegenstromanlage gibt.

 

 

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