Wiligrad

23.09.2020

 

Überraschung am Wegesrand: Schloss Wiligrad

 

Manchmal muss man einfach mal abbiegen. Einfach so. So wie beim Wegweiser „Schloss Wiligrad“. Ohne zu wissen, was einen genau erwartet. Nachdem ich das Schloss gefunden hatte (an der entscheidenden Stelle lassen sie hier oben gerne mal ein Schild weg), erwartet mich ein weiteres Kleinod. Das Schloss ist noch relativ jung, erst 1895 bis 1898 errichtet, und liegt direkt am Schweriner See. Interessanterweise wurde das Schloss von 1945 bis zur Wendezeit von allen Landkarten getilgt. Ursache: Nutzung als Landes-Parteischule der SED und Ausbildungsstätte der Polizei.

 

 

Terrakotta-Renaissance

 

Terrakotta-Renaissance heißt der Baustil, wie ich vor Ort gelernt habe. Irgendwie wirkt beim Schloss alles akribisch durchkomponiert. Am meisten fasziniert hat mich vor allem das ganze Ensemble mit dem Schloss, dem Marstall, der Remise, dem Gärtner-, Leiter- und Waldhaus.

 

 

Kuchen, soweit das Auge reicht

 

Im Motel hatte ich auf ein Frühstück verzichtet, ich war mir sicher, unterwegs finde ich auch was Leckeres. Treffer und versenkt: Kaffee, Saft und Kuchen warten hier auf mich in der ehemaligen Gärtnerei. Während ich mich noch, bin aktuell der einzige Gast, mit den beiden Damen vom Café unterhalte, werde ich mit einem Schlag von einer Horde Neunjähriger überrannt. Es ist Wandertag und die Kids wollen alle ein Eis.

 

 

Wer ist Johannes Heisig?

 

Inzwischen hat das Schloss geöffnet. Der Kunstverein Wiligrad e.V. füllt das Schloss mit Leben, gemeinsam mit der IG Schlossensemble und dem Stiftungsverein zur Förderung der Erlebnispädagogik. Der Kunstverein organisiert v.a. Ausstellungen. Aktuell Gemälde, Grafiken und Zeichnungen von Johannes Heisig, einem Maler aus Leipzig, Jahrgang 1953. Die künstlerische Ader liegt in der Familie, auch der Großvater, der Vater und der Bruder sind Künstler.

 

 

Ich habe das Schloss für mich alleine. Die Bilder in der sozialkritischen Tradition des Realismus auf der einen Seite in Verbindung mit der Terrakotta-Renaissance auf der anderen Seite sind ein spannender Kontrast, passen aber letztendlich deswegen gut zusammen. Die Bilder gehören zu Heisigs Serie „Grenzerfahrungen“. U.a. geht es hier um den „antifachistischen Schutzwall“. Fast zwei Jahrzehnte hatte Heisig gebraucht, bevor er sich dieses Themas annahmen konnte.

 

 

Oder, um Heisig zu zitieren: „Sie stand als hermetischer „Schutzwall“ vom 13.August 1961 bis zum 9. November 1989. Das sind 10174 Tage. Das sind 244176 Stunden. Oder vierzehnmillionenundsechshundertfünzigtausendundfünfhundertsechzig Sekunden. LEBEN. Leben, das vergeht. Leben, das nicht nur in Tage, Stunden, Sekunden zerfällt, sondern mit Willkür begrenzt wird. Durch eine Mauer, die das DaSein zerteilt. In ein Vorher und ein Nachher. Mit der sichtbaren Grenze vergewisserte sich ein kleines Land seine Existenzberechtigung und ein größeres seine Überlegenheit. Wer diesen Grenzraum verletzte, verspielte sein Leben.“

 

 

Mal ein anderer Museumsshop

 

Im Museumsshop findet man nichts für fünf oder zehn Euro. Da geht es eher in den drei- und vierstelligen Bereich hinein. Ich erwerbe eine Tasse für 50 Euro, dürfte mit das preiswerteste gewesen sein, was dort ausgestellt war.

 

 

Verein Vorbild für andere Schlösser

 

Ich komme mit dem Mitarbeiter des Vereins ins Gespräch. Er bestätigt, dass es nicht eínfach ist, bei der Vielzahl der Schlösser in der Umgebung ein Konzept oder gar ein Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln, mit dem man sich absetzt. Der Nebenflügel wird durch das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege genutzt, der Hauptflügel von den verschiedenen Vereinen. Dieses Vereinskonzept habe sich bewährt und wurde inzwischen auch von anderen Schlössern übernommen.

 

Wismar

Tolle Kirche, aber wo geht es rein?

 

Immer das Gleiche mit den Kirchen hier oben: Nie weiß man, auf welcher Seite ein Eingang offen ist. Auf der dritten Seite von St. Georgen in Wismar bin ich erfolgreich: Die Tür geht auf, aber extrem schwergängig. Und wieder habe ich ein Déjà-vu, diesmal an den 6. November 2009 in Zimbabwe, als ich – unbeabsichtigt - zum Einbrecher wurde.

 

Auszug aus meinem Reiseblog von damals: „Die Eingangstür ging schwer auf, also drücke ich entschlossen dagegen. Kaum im Supermarkt drin, kommt von beiden Seiten Wachpersonal, das mich am Eindringen hindern will.“

 

 

Genauso ist es in Wismar: Kaum ist die Tür offen, blickt mich jemand vom Personal entsetzt an. „Um Gottes Willen, hier ist geschlossen, wie haben Sie das denn gemacht?“ - „Äh, einfach gezogen.“

 

 

Auf der vierten Seite ist dann endlich die Eingangstüre. Inzwischen waren wir 14 Personen, die gemeinsam den Eingang suchen…

 

 

Der nächste Kirchturm bitte!

 

Vom 63 Meter hohen Turm hat man einen schönen Blick auf Altstadt und Hafen. Dort ankert die Genting der Star Cruises, einer Reederei aus Hongkong, immerhin Nummer drei nach Carnival und Royal Caribbean. Zu Star Cruises gehören auch die Norwegian Cruise Line und NCL America . Ein weiteres Kreuzfahrunternehmen, das wackelt.

 

 

Die Kirche in ihrer heutigen Form entstand Mitte des 18. Jahrhunderts. Auch diese Kirche wirkt von außen eher klobig, im Inneren mit seinem 44 Meter hohen Mittelschiff aber wieder filigran und unglaublich hoch.

 

 

Der größte Marktplatz Norddeutschlands

 

Ein weiterer Fixpunkt in Wismar neben St. Georgen ist der Markt. Der größte Marktplatz Norddeutschlands zählt zu den schönsten Europas. Wenn es gelänge, die ganzen Autos zu eliminieren, die auf allen vier Seiten parken, wäre es sogar einer der schönsten Plätze der Welt. Wenn man auf diese Plätze nicht verzichten will, setzt man gleiche Zahl an Parkplätzen eben konzentriert in eine Ecke. Im Moment wirkt der eigentliche Platz leer, während sich drum herum die Autos um den Platz quälen.

 

 

Wasserkunst

 

Im südöstlichen Eck das Wahrzeichen Weimars: Die „Wasserkunst“, ein technisches Denkmal. Direkt nebenan das Gebäude „Alte Schwede“ aus dem 14. Jahrhundert. Das Haus schaut nicht nur klasse aus, man kann hier auch gut essen und den Autos zuschauen, die dauernd um den Platz rum fahren. Zum Ensemble zählen auch Reuterhaus und Rathaus.

 

Rostock

Technisches Wunderwerk

 

Nicht weit ist es in die nächste Hansestadt, nach Rostock. Ein Highlight ist hier zweifellos das eigenwillige Rathaus und vor allem die astronomische Uhr in der Marienkirche. Wie die anderen Backsteinkirchen in Norddeutschland vermittelt auch die Marienkirche von außen einen einen wuchtigen Eindruck. Von der Innenausstattung mag nicht mehr viel vorhanden sein, den Besucher erwartet aber ein technisches Wunderwerk. Seit über einem halben Jahrtausend (!!!), seit 1472, zeigt diese Uhr nicht nur Stunden und Minuten an, sondern vieles mehr. Echt beeindruckend.

 

 

Petrikirche mit 117 Meter hohen Turm

 

Echt beeindruckend auch der Marktplatz mit dem Rathaus und dessen gotischer Fassade, toll auch die Petrikirche. Deren schlanker Kirchturm mit 117 Metern Höhe überragt die ganze Stadt. Offenbar fehlt mir die heimische Mittelgebirgslandschaft oder was sonst treibt mich jeden Kirchturm hoch?

 

 

Die Aussicht von da oben ist gigantisch, allerdings ist der ganze Turm von einem engmaschigen Gitternetz umgeben, so engmaschig, dass ich nicht mal das winzige Objektiv des Smartphones zwischen den Gittern positionieren kann. Bleibt zum Fotografieren nur eines: die kleinstmögliche Blende einstellen, um die Schärfentiefe zu minimieren. So wird es dann halbwegs was mit den Fotos. In der Kirche selbst gibt es noch eine kleine Kunstausstellung.

 

 

Beim Schlendern durch die Stadt entdecke ich viele andere schöne Ecken.

 

 

Auch hier wieder viel Jungvolk mit Ghettoblaster unterwegs. Also kontere ich wieder mit meiner Band. Leider hat heute aber nur einer der Jungs Zeit.

 

Darß

 

Nur ein Weg führt auf die Zingst

 

Ein paar Kilometer habe ich noch vor mir bis nach Prerow auf der Halbinsel Fischland- Darß- Zingst. Ich wohne dort im „Alten Bahnhof", einem einfacheren Haus, aber eines mit viel Atmosphäre und viel Liebe zum Detail. Das Restaurant ist z.B. im alten Wartesaal. Und das Essen ist total lecker…

 

 

Das muss ich mir aber erst einmal verdienen mit einem Strandspaziergang am endlos langen Sandstrand. Der Sand ist so fein, dass man kaum drauf laufen kann. Also spaziere ich immer vorne an der Brandung entlang. Das Wasser kommt mir frischer vor, als zuletzt auf Helgoland. Ich glaube, ich lasse es dabei bewenden, dass nur die Füße in Kontakt mit dem Wasser kommen...

 

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Tag 15: Unterwegs in Prerow und Ahrenshoop

 

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