Fuji, welcher Fuji?
Mittwoch, 25.03.26
Heute lassen wir Tokyo hinter uns und fahren in die Berge. Mit dem Shinkansen geht es bis Otsuki, dort steigen wir in eine Schmalspurbahn um, die uns nach einmaligem Umsteigen nach Ohiradai, bringt, oberhalb von Hakone. Die Trassenführung der zweiten Bahn ist so steil, dass es unterwegs dreimal Richtungswechsel gibt. Der Zugführer steigt am jeweiligen Bahnhof aus und steigt am anderen Ende des Zuges wieder ein. Das gleiche macht sein Assistent, allerdings in die entgegengesetzte Richtung. So schaukeln wir langsam, aber sicher die Berge rauf.
Leider regnet es gnadenlos, es ist echt ungemütlich. In unserem Ryokan werden wir herzlich empfangen. Uns wird gezeigt, wo die vier Onsen drinnen und draußen sind zur privaten Nutzung sind.
Wir lassen die Koffer zurück und fahren im total überfüllten Zug zum Endbahnhof Gora weiter. Eine extrem beliebte Tour bei Touristen führt per Zug von Hakone nach Gora, von dort per Standseilbahn nach Owakudani, im schefeligem Wasser gekochte Eier essen, runter zum Ashino-ko-See, wo sich bei gutem Wetter der Fuji spiegelt. Dann per Piratenboot ans südliche Ende des Sees und zurück per Bus nach Hakone. Angesichts des Starkregens und der extrem eingeschränkten Sicht verzichten wir. Es sind trotzdem endlose Menschenmassen unterwegs – schließlich muss man für die Tour auf jeden Fall das Ticket vorbuchen. Und wenn man Pech hat, sieht man halt nichts.
Wir finden ein Café, das sehr gut besucht ist. Zusammen mit der Speisekarte bekommen wir eine Nummer, verbunden mit der Bitte, etwas zu warten. Zwei kleine Gruppen sind vor uns. Es dauert nicht lange, bis wir unseren Tisch, unseren Kaffee und unser Essen bekommen.
Das mit den Nummer funktioniert sehr gut, bis eine größere holländische Gruppe kommt, die viel Unruhe reinbringt. Die lässt sich vom freundlichen Personal nicht aufhalten und besetzt zwei Tische, die noch nicht sauber gemacht sind (und auf die längst andere Gäste warten). Da erhasche ich den finsteren Blick eines Japaners, der eigentlich als nächstes dran ist. Er ist zu Recht stocksauer. Er ist aber auch Japaner. Zurückhaltend, so wie es sich gehört. Daraufhin nehme ich mir im Interesse der europäiscg-japanischen Freundschaft den Rädelsführer der Holländer vor und kläre ihn dezent, aber sehr deutlich darüber auf, wie das hier funktioniert. Als sich der Japaner mit seiner Familie an „seinen“ Tisch setzen kann, bedankt es sich überschwänglich bei mir. Und die Holländer warten brav, bis sie dran ist. Leute, ist doch gar nicht so kompliziert, oder? Zur Ehrenrettung muss man sagen, das Englisch des "Rädelsführers" war, nun ja, ausbaubar.
Bei dem Wetter gibt es nicht viel zu tun, also beschließen wir, nach Hakone runterzufahren, uns dort als erste in die noch nicht vorhandene Schlange zu stellen. Der Plan geht auf: Wir können dem Zugführer über die Schulter schauen. Es regnet eh und das Japan Rail-Ticket will ausgenutzt werden...
Zurück in Ohiradai gehen wir wieder zu unserem Ryokan. Ein Ryokan ist ein Gasthaus im klassischen japanischen Stil. Die Zimmer sind mit Tatami ausgelegt, man schläft entsprechend am Boden. Es gibt Gemeinschaftsbäder und Gemeinschaftstoiletten. Oft mit mehrgängigem Abendessen - in unserem Fall leider nicht. Aber dafür haben wir je zwei private Onsen innen und außen. Onsen sind Thermalbäder, in die man sich hineinlegt. In unserem Fall sind die Außenbecken rund 100 Meter von der Unterkunft entfernt und sehr schön gestaltet. Die japanische Kultur sieht vor, dass man das Bad erst betritt, nachdem man sich wirklich gründlich gereinigt hat. Um es mit Mark Twain zu halten: Nach 10 Minuten vergesse ich die Zeit, nach 20 Minuten die Welt.
Irgendwann meldet sich der Magen. Restaurants am Ort? Fehlanzeige! Geöffnete Restaurants im Hauptort Hakone? Fehlanzeige! In Gora? Da gibt es wohl was.
Beim ersten offenen Restaurant liegt die Wartezeit bei mindestens einer Stunde. Zeit, zweigleisig zu fahren. Die beiden anderen halten unsere Position in der Schlange und ich gehe auf Expeditionsreise. Etwas oberhalb waren zwei Häuser, die sahen von der Rückseite so aus, als wäre da ggf. ein Restaurant, auch wenn Google Map (in Japan leider oft extrem ungenau!) sagt, da wäre nichts.
Das erste Haus entpuppt sich als Club. Sch..! Aber da, das zweite: Ein Restaurant! Der sehr freundliche Mitarbeiter sagt, er müsse erst die Chefin fragen. Nach nervenverzehrenden zwei Minuten bekomme ich ein „Go!“ Ich bitte den Herrn, den Tisch für 5 Minuten zu reservieren. Im Shinkansen-Modus geht es ins andere Lokal, im Shinkansen-Modus zu Dritt wieder zurück. Uns erwartet ein richtig, richtig gutes Abendessen. Für japanische Verhältnisse ist es (incl. Getränke) mit 35 Euro richtig teuer. Aber dafür, dass das der vielleicht beste Fisch meines Lebens war: echt geschenkt.
„In Japan geht es um das genaue Gegenteil [vom
Westen]: Man schält alles Überflüssige weg, um den absolut reinsten, wahren Kern einer einzigen Zutat freizulegen.“
–- Alain Ducasse, französischer Jahrhundertkoch zum Unterschied zwischen westlicher und japanischer Küche