Wo wollen die denn alle hin?
Freitag, 27.03.26
Der Shinkansen gibt Vollgas Richtung Hiroshima. Schade, dass es die Minibars nicht mehr gibt, die früher durch den Zug geschoben wurden. Also ist man gut beraten, sich was am Bahnhof zu organisieren.
Das bekannteste Foto aus Japan, das bestimmt jeder schon mal gesehen hat, ist der vorbeirasende Shinkansen vor dem Fuji. Ein anderes sehr bekanntes Motiv ist das von einem im Wasser stehenden roten Torii. Dieses Bauwerk steht neben der kleinen Insel Miyajima vor den Toren von Hiroshima. Und genau dorthin geht es als nächstes.
Eigentlich waren zwei Übernachtungen in Hiroshima geplant mit einem Tagesausflug nach Miyajima. Als ich bei der Buchung unserer Übernachtungen aber gesehen habe, dass in einem Ryokan, also einem traditionellem Gasthaus, auf der Insel noch zwei bezahlbare Zimmer frei sind, waren wir uns ganz schnell einig, dass wir eine Nacht auf der Insel verbringen. Eine sehr gute Entscheidung, wie sich zeigen sollte.
Die Menschenmassen, die von den Nahverkehrszügen der beiden Bahnlinien zum Fährhafen nach Miyajima strömen, lassen uns ahnen, wie gut die Entscheidung war, auf der Insel zu übernachten. Die vollen Fähren bestätigten das Gefühl, die hoffnungslos überfüllte Hauptstraße auf der Insel ließen es zur Gewissheit werden.
Hast Du schon mal auf Helgoland übernachtet? Dann weißt Du, dass Helgoland am Abend nichts mit dem Helgoland vom Tage zu tun hat. Genauso ist es mit Miyajima, aber locker um den Faktor 10 verstärkt. Alle 5 bis 10 Minuten startet eine neue Fähre und bringt ein paar 100 Gäste auf die Insel.
Trotzdem zählt die Insel zu den schönsten Ecken Japans.
Wir checken ein, lassen unser Gepäck da und gehen am Strand entlang zum Torii – fast alle bleiben auf der Hauptstraße. Die Wassertemperatur ist überraschend angenehm.
Das erste Torii an dieser Stelle wurde vermutlich bereits 1168 errichtet, das aktuelle stammt aus dem Jahr 1875, es ist erst das achte an dieser Stelle. Es ist 16,6 Meter hoch, 24 Meter breit und ca. 60 Tonnen schwer. Es hat übrigens kein Fundament, dank seines hohen Gewichtes und der durchdachten Holzkonstruktion steht es dennoch bombenfest.
Irgendwann werden wir hungrig. Alle Straßen zwischen Fährhafen und Torii sind hoffnungslos überfüllt. Wir biegen in ein kleines Nebensträßchen ein und betreten eine andere Welt, eine Welt ohne Overtourism. Dort landen wir im Café Machikado, betrieben von einem liebenswerten älteren Herrn. Unser Eintreten wird durch Vogelgezwitscher angekündigt, im Hintergrund klassische Musik. Vier Tische und ein paar Plätze am Tresen, mehr nicht.
Dafür aber einen hervorragenden Kaffee und lockeren Kuchen und einen gut aufgelegten Gastgeber, dessen Passion der Betrieb des Cafés ist. Das kann man richtig spüren. Der Zubereitung des Kaffee ist was ganz Besonderes. Oder hast Du schon mal einen Kaffee serviert bekommen, der in einem Erlenmeyer-Kolben erhitzt wurde? Er ist sogar so nett, uns in einem Restaurant einen Tisch fürs Abendessen zu organisieren, als er erfährt, dass wir noch keine Reservierung haben.
Da irgendwas mit meinem Oberschenkel ist, klinke ich mich aus, verzichte auf längere Wege und schaue mir mal die Insel rund um unser Ryokan an - bewusst da, wo kaum einer unterwegs ist. Dabei entdecke ich oberhalb des Ortes verschiedene wunderschön gelegene Schreine, oft inmitten von Kirschbäumen.
Ich komme auch in eine Straße, wo jedes Haus als eine Art Identifikationsmerkmal ein Tieremblem neben der Eingangstür hat. Wie mir ein Einwohner erklärt, gezeichnet von den Schülern der hiesigen Schule. Laut Internet stammen die Schilder von Künstlern. Die erste Variante mit den Kids gefällt mir besser...
Wir treffen uns schließlich in einer Brauereigaststätte, wo sie unter anderem ein hervorragendes selbstgebrautes Hefeweizen verkaufen. Wie fast alles, schließt auch diese Kneipe bereits um 17 Uhr – zu dieser Zeit haben 90 bis 95 Prozent der Tagesausflügler die Insel verlassen. Wir lernen eine ganz neue Insel kennen...
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Wir genießen die relaxte Atmosphäre auf der Terrasse vor der Brauerei. Kurz vor dem Sonnenuntergang gehen wir in Richtung Torii. Was für ein Unterschied! 99,99% der Menschen sind weg...
Das Essen im empfohlenen Restaurant – erstklassiges Rind – war sehr gut. Leider waren die Portionen arg klein.
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Nach einem weiteren Abstecher zum Torii – bei Sonnenuntergang und bei Nacht schaut es nochmal einmal ganz anders aus – geht es zum Lawson, wie FamilyMart und vor allem 7 Eleven eine Convenience-Store-Kette, die es in Japan alle paar hundert Meter gibt. Dort gibt es Getränke, auch alkoholische, Chips, Nüsse, Sandwiches, Sushi, Gerichte, die man in der Mikrowelle erhitzt (und auch vor Ort essen kann), Arbeitsplätze mit WiFi, dazu alles, was ein Haushalt brauchen kann, bis hin zu einem Adapter für USB-Anschlüsse für die Steckdose. Wie gesagt: 99,99% der Touristen sind wieder auf dem Festland. Der Rest zusammen mit uns im Lawson. Wir sind offenbar nicht die einzigen, die hungrig aus dem Restaurant gekommen sind.
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Nachts auf der Tatami-Matte, es riecht nach See und Kirschblüte. Eigentlich will ich nie wieder weg.
„Matsushima, Amanohashidate und Itsukushima [Miyajima]; diese
drei Orte sind die großartigsten Landschaften Japans.“
–- Hayashi Gahō (1643)