Donnerstag, 04.12.2025
Weltuntergang in Valletta
Die MSC World Europe ist weg, ich kann kommen! Heute geht es endlich mal so richtig nach Valletta (und nicht bloß zum Einkaufen!). Inzwischen bin ich schon fast Einheimischer, weiß, wann die Fähre nach Valletta fährt, weiß, wie lange ich zum Fährterminal brauche. Also weiß ich, dass ich noch Zeit habe für einen doppelten Espresso.
Auf der Fähre bekomme wieder meinen Lieblingsplatz, am Freideck in der ersten Reihe. Das ist auch gut so, schließlich will ich ein kleines Zeitraffer-Video drehen von der Überfahrt. Deshalb bleibe ich auch sitzen, als leichter Regen einsetzt.
Heute fahre ich mal mit dem Lift vom Fährterminal zu den Upper Barrakka Gardens hoch und erspare mir das mühselige hochsteigen ins Zentrum. Dort warte ich zusammen mit etlichen anderen – ja worauf eigentlich? Dass die mit rund 500 Jahren wahrscheinlich ältesten Salutkanonen der Welt abgefeuert werden! Seit den 1820er Jahren wird um 12 Uhr mittags ein Schuss abgefeuert, um die exakte Zeit anzugeben, zu der die Seeleute ihre Chronographen an Bord ausrichteten. Diese wurden bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Navigation genutzt. Heute ist diese Zeremonie eine beliebte Touristenattraktion.
Der Regen wird immer stärker. Endlich wird der Schuss abgefeuert – und die Welt geht unter. Als würde mich jemand mit einen riesigen Eimer Wasser überschütten. Orkanartige Winde setzen ein, Gewitterböen. Ich finde zusammen mit vielen anderen ein halbwegs trockenes Plätzchen unter der Markise eines Geschäftes. Als wieder ein Blitz einschlägt, fange ich an zu zählen: „E..“ – „Kawumm!!!“ Das Gewitter ist direkt über uns. Auf der Straße steht das Wasser schon 15 Zentimeter hoch, Tendenz steigend. Am Gehweg geht es noch halbwegs. Unter der Markise wird es immer voller. Erst als ein Bolt- und ein Uber-Fahrzeug nach dem anderen anhält und Leidensgefährten mitnimmt, die den Service bestellt haben, sinkt der Bevölkerungsdruck unter der Markise wieder.
Irgendwann lässt der Wind etwas nach, die große Stunde meines Trekkingschirms hat geschlagen. Ich bin auf der Suche nach einem Restaurant. Anders als etwa in Senglea, haben die Restaurants hier kaum Räumlichkeiten, die Mieten sind viel zu teuer. Ich lande in einem Restaurant mit Zelt. Es ist halbwegs trocken, also bleibe ich. Ich komme mit einem Herrn in meiner Altersklasse ins Gespräch. Als ich sage, „das nächste Mal fahre ich um die Zeit besser nach Irland“, erwidert er entsetzt, dass das Wetter dort noch schlimmer sei. Er lebe dort. „Ich weiß“, erwidere ich. Woher ich wisse, dass er Ire sei, fragt er etwas irritiert. „Höre ich am Dialekt.“ Er lädt mich auf einen Espresso ein, dafür, dass ich ihn nicht für einen „gottverdammten Tommy“ gehalten habe.
Als der Regen etwas nachlässt, wandere ich weiter durch die heute gar nicht so vollen Straßen zur St. John’s Co-Cathedral. Hat mich die Kathedrale gestern in Mdina schon echt beeindruckt, bin ich beim Betreten der Co-Cathedral regelrecht geplättet. Aber immer der Reihe nach. Was ist eigentlich eine Co-Cathedral? Eine Kathedrale ohne Bischofssitz. Was kostet der Eintritt? Üppige 15 Euro (außer man ist 60 oder älter, dann sind wir bei 12 Euro).
Die Kirche hat eine unglaubliche Liebe zum Detail, aber auch zum Prunk. Schließlich will jede der „Zungen“ des Malteserordens die anderen Zungen, also Landsmannschaften, übertrumpfen. Die Kapellen der Zungen sind ein Highlight. Die Gelder, die als Dank für den Sieg gegen die Osmanen flossen, ließen eine der opulentesten Gotteshäuser der Welt entstehen.
Auch so einen Boden habe ich noch nicht gesehen: Der Boden wird bedeckt von knapp 400 kunstvollen und meist auch sehr bunten Marmor-Grabplatten. Dazu kommen unzählige Gemälde an den Wänden, etwa „Der heilige Hieronymus beim Schreiben“ oder „Die Enthauptung von Johannes des Täufers“ von Carvaggio.
Irgendwann beobachte ich Bewegungen oben auf einer Empore: Das weckt natürlich gleich mein Interesse. Ich frage eine Mitarbeiterin der Kathedrale, wie man da hoch kommt und erfahre, dass man die Tickets vorne bei der Kasse bekommt. Da gehe ich doch gleich mal hin.
Genau ein Ticket ist noch zu haben. Die Dame dort macht mich darauf aufmerksam, dass es 99 Stufen rauf und 99 wieder runter sind. „Gute Frau, ich wohne in Senglea, je nachdem, über welche Treppen ich hoch laufe, habe ich 100 bis 140 Stufen zu bewältigen und dann muss ich noch in den zweiten Stock hoch.“ O.k., ich bekomme das Ticket. Seniorenrabatt? Wer da hoch kommt, ist kein Senior, der volle Preis ist fällig. Auch eine Art Kompliment!
Der Blick von dort oben ins Kirchenschiff ist phä – no – mi – nal! Als kleines Extra kommen wir auch noch in den Raum mit einem riesigen Uhrwerk und kommen auf den Turm hoch mit einem netten Blick über die Stadt und die beiden Buchten im Norden und im Süden.
Nach rund drei Stunden Aufenthalt verlasse ich die Kathedrale und komme wieder in den Regen. Also gut, dann beantrage ich eben einen Leseausweis für die Nationalbibliothek. Die ist nicht Gott weiß wie groß, hat aber was von Hogwarts (Harry Potter). Die Bibliothek atmet Atmosphäre, es sind ein paar schöne Bücher ausgestellt, darunter Atlanten aus längst vergangenen Zeiten.
Theater? Festung? Fallen dem Regen zum Opfer. :-(